Wie Mohamed Abuelqomsan mit der Initiative "Nicht im Namen des Islam" gegen
religiösen Extremismus antritt
ERLANGEN - Mohamed Abuelqomsan hatte gerade in der Moschee seiner
islamischen Gemeinde in Erlangen einen Vortrag gehalten, da fragte ihn ein
Glaubensbruder: "Mohamed, ist es gut, für immer hier zu leben?"
Wahrscheinlich hätte der Mann am liebsten ein klares Ja oder Nein gehört.
Doch so einfach liegen die Dinge nicht, wenn es um das Leben als Muslim in
Deutschland geht. Also fiel die Antwort differenzierter aus: "Wenn man nur
zu Hause sitzt, sich nicht für dieses Land interessiert und seine Sprache
nicht spricht, dann ist es nicht gut, hier zu bleiben. Wer bleiben will,
sollte eine deutsche Zeitung lesen und regelmäßig die Fernsehnachrichten
ansehen." Und sicherheitshalber zählte der 35-jährige Palästinenser
Abuelqomsan gleich noch die wichtigsten einschlägigen Sendezeiten von ARD,
ZDF, RTL und Sat.1 auf.
Nicht nur für den Plausch mit deutschen Arbeitskollegen könnten seine
Migrantenkollegen bei der Zeitungslektüre oder bei den TV-Nachrichten was
erfahren. "Es geht auch darum zu begreifen, wie man uns hier kritisch
sieht", sagt Abuelqomsan.
Diskussion über den Terror
Es gab Zeiten, da hat auch ihn das alles wenig interessiert. 1987 kam er aus
dem Gazastreifen nach Erlangen, um Informatik zu studieren. Nach seiner
Ausbildung wollte er zurück in die Heimat. Deutsch lernte er nur, weil er
die Sprache fürs Studium brauchte. In den 90er Jahren merkte Abuelqomsan,
dass in seinem Gastland plötzlich sehr viel über den Islam, über einen
angeblichen Kampf der Kulturen und über islamistischen Extremismus und
Terror diskutiert wurde. Und ihm wurde klar, dass die damit verbundenen
Ängste und auch Missverständnisse ihn selbst angingen.
Seither hat er "einen klaren Plan im Kopf". Zunächst als Sprecher des
Islamischen Studentenvereins und später als Vorsitzender der Islamischen
Gemeinde Erlangen kümmerte er sich um einen verbesserten Dialog mit der
deutschen Seite. Und im Laufe der Jahre, sagt er und klingt recht deutsch
dabei, "habe ich viel Ordnung in der Gemeinde geschaffen". Strikte Trennung
von Religion und Politik, lautet seine Maxime. "Politische Diskussionen darf
es in der Moschee nur geben, wenn es gilt, den Menschen nach irgendwelchen
Vorfällen auf der Welt die Wut zu nehmen." Nicht, um ihr Nahrung zu geben.
Als Mohamed Abuelqomsan nach dem 11. September 2001 mit zu einer
Demonstration aufrief, bei der Solidarität mit dem amerikanischen Volk
bekundet werden sollte, trug ihm das in den eigenen Reihen allerhand Kritik
ein. Holzschnittartig teilten viele seiner Glaubensgenossen die Welt in Gut
und Böse ein und waren darin der US-amerikanischen Regierung gar nicht so
unähnlich. Abuelqomsan hielt dagegen, wies bei Freitagsgebeten in der
Moschee nach, dass sich islamistischer Terror nicht auf die Worte des
Propheten stützen kann, und warf Hassprediger hinaus. Viel Unterstützung von
deutscher Seite durfte er dabei zunächst nicht erwarten. Als Anhänger der
radikalen Gruppe Hizb ut-Tharir vor der Moschee Flugblätter mit
antiisraelischer Hetzpropaganda verteilten, wandte sich Abuelqomsan an die
Polizei. "Die sagten mir, sie könnten da nichts machen." Erst etliche Zeit
später wurde die Gruppe von Bundesinnenminister Schily verboten.
An den hat sich Abuelqomsan kürzlich schriftlich gewandt. Mit Freunden hat
er nach den blutigen Islamisten-Anschlägen von Madrid die Initiative "Nicht
im Namen des Islam" (Nindi) gegründet. Begleitet von deutschen Politikern,
möchte Nindi in den islamischen Gemeinden Aufklärungsarbeit betreiben. "Die
Muslime müssen kapieren, dass, wenn hier etwas passiert, wir alle dran
sind", sagt der Erlanger Informatiker. "Wenn sie das erkennen, werden
Extremisten keine Chance in den Gemeinden haben." Viel wirksamer sei dieser
Weg als immer schärfere Gesetze.
Leider, meint Mohamed Abuelqomsan, hätten die Sicherheitsbehörden aber oft
die Falschen im Visier. Trotz fester Arbeit, perfekter Deutschkenntnisse und
der mit Zivilcourage betriebenen Verständigungsbemühungen kommt sein eigener
Einbürgerungsantrag nicht voran. Sicherheitsbedenken? "Ich trete hier als
öffentliche Person auf. Da gibt es keine Geheimnisse. Die gefährlichen
Leute, die treffen sich in irgendwelchen Wohnzimmern. Die kennt keiner."
HANS-PETER KASTENHUBER
18.11.2004 0:00 MEZ
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