Der andere Anti-Terror-Kampf

 
KOMMENTAR: WELTBILDER

Der andere Anti-Terror-Kampf

VON JÖRG RECKMANN (BRÜSSEL)
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/die_seite_3/?sid=2
936d86d38e768fd12d06894a012d27e&cnt=580445


Krieg macht blind, besonders der Krieg gegen den Terror, wie er in Irak und Afghanistan geführt wird.
Denn der so genannte Anti-Terror-Kampf wird nicht in Bagdad oder Kabul gewonnen. Tatsächlich entscheidet sich in Berlin-Kreuzberg, in Paris und Amsterdam, ob der Islam modernisierungsfähig ist. Hier entscheidet sich, ob die Integrationskraft offener Gesellschaften reicht, um der zerstörerischen Kraft geschlossener Weltbilder Paroli zu bieten. Hier entscheidet sich die Zukunft des "alten Europa", gegründet auf Freiheit,
Toleranz und sozialer Verantwortung. In einem Krieg der Kulturen, dem US-amerikanische Konservative aufgrund der Annahme eigener göttlicher Auserwähltheit fast lustvoll das Wort reden, gibt es nur Verlierer.
Europa, das nach den Erfahrungen der Selbstzerfleischung zweier Weltkriege seine Politik auf Konsens und Gemeinschaftsbildung ausgerichtet hat, würde an einem solchen Konflikt zerbrechen.

Das kann allerdings nicht heißen, die Auseinandersetzung zu verweigern. Die Tatsachen sprechen für sich und sie sind alarmierend genug. Die Mörder, die die Zwillingstürme in New York zum Einsturz brachten, kamen auch aus Hamburg; die Attentäter von Madrid waren über Jahrzehnte in Spanien
zu Hause; der junge Moslem, der verdächtigt wird, in Amsterdam aus religiösem Hass einen Filmemacher regelrecht abgeschlachtet zu haben, ist in den Niederlanden geboren. Zudem steigt die Zahl rassistischer Gewalttaten quer durch Europa, die von einer Minderheit junger Moslems arabischer oder
nordafrikanischer Herkunft verübt werden, und es gibt nicht wenige, die dem applaudieren. Wer dies nicht deutlich ausspricht, sitzt in einem multikulturellen Puppenhaus und merkt nicht, dass es bereits in hellen Flammen steht. Wer das Feuer sieht, aber ausschließlich nach polizeilichen Maßnahmen ruft, liegt jedoch ebenso falsch, wie der, der vor jeder Härte zurückschreckt.

Der Kampf gegen den Terror, der in unseren Städten geführt wird, kommt ohne hartes Zupacken nicht aus.
Hassprediger, religiöse Fundamentalisten, die zu Gewalt aufrufen oder sie rechtfertigen, gehören nicht zu uns, sie müssen bestraft und - wo dies möglich ist - gezwungen werden, die EU zu verlassen. Aber das reicht nicht. Polizei und Geheimdienste, auf die sich alle europäischen Regierungen bei ihren Anti-Terror-Plänen fast ausschließlich stützen, haben den großen Nachteil, dass sie nur eingesetzt werden können, wenn es eigentlich schon zu spät ist und nur noch das Schlimmste verhindert werden kann. Viel wichtiger sind präventive Maßnahmen, Streetworker, Stadtteilprogramme, Jugendzentren, Ausbildung und Arbeit, Islamunterricht in den Schulen und nicht in
irgendwelchen Hinterzimmern, der Versuch Getto-Bildungen in den europäischen Städten zu verhindern oder aufzulösen. Solche Anstrengungen kosten Geld, sind nicht populär, sie sind auch kein Wundermittel, aber sie sind nötig. Nur liest man davon in den offiziellen Anti-Terror-Programmen so gut wie nichts. Wenig ist auch zu erfahren über die Achtung anderer Kulturen.

Säkularisierte Gesellschaften sind daran gewöhnt, auch religiöse Symbole dem Spott preiszugeben. Für einen Moslem aber ist das keine Frage des schlechten Geschmacks wie für viele Christen, sondern eine Beleidigung. Der ermordete niederländische Regisseur hatte einer Frau Koranverse auf den nackten Leib geschrieben. Eine Bildsprache, die in einer übersteigerten Mediengesellschaft gerade noch
Aufmerksamkeit erregt, in der islamischen Kultur aber als Skandal empfunden werden muss. Und zwar so stark, das über den eigentlichen Skandal - die Misshandlung von Frauen in der islamischen Welt - gar nicht mehr zu reden ist. Oder das Kopftuchverbot. Wird hier die Trennung von Kirche und Staat als Errungenschaft der Aufklärung verteidigt oder werden Muslime unter Generalverdacht gestellt und mit der Wegnahme eines Teils ihrer religiösen Identität bestraft, weil es innenpolitisch Punkte bringt?

Weniger Überheblichkeit und mehr Nachdenken über eigene Fehler - auch das gehört zum Kampf gegen den Terror. Das ist keine Gefühlsduselei, sondern offenes Herangehen an einen Konflikt unter der Voraussetzung, dass nicht die anderen die ganze Schuld allein tragen und nur sie sich verändern müssen. Diese Haltung verbunden mit klarer Härte, wo es notwendig ist, bietet die Chance, das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen in Europa zu erhalten. Der Erfolg ist ungewiss, die Alternative schrecklich.



[ document info ]
Copyright © Frankfurter Rundschau online 2004
Dokument erstellt am 07.11.2004 um 17:49:06 Uhr
Erscheinungsdatum 08.11.2004

Copyright © 2004 Webmaster Nicht im Namen des Islam
www.nindi.de  übernimmt KEINE Verantwortung für externe Seiten